Seit einigen Wochen sind wir nun auf der Fazenda Saùva und ich arbeite vormittags mit Nayani (6) und Cauê (9), die an die Montessorischule Bamberg gehen und hier wie beim Homeschooling betreut werden. Sie bekommen also altersgerechte und individuelle Aufgaben und ich unterstütze sie in meiner Zeit und zeige ihnen verschiedene Materialien, die es hier in der Regenwaldschule schon gibt und die sie zum Lernen nutzen können.

Am Nachmittag oder am Abend kommen – nach einer Zeit der „Beschnupperung“ – inzwischen auch Jugendliche zu mir, um vor allem in Mathematik Unterstützung zu bekommen. Da ich zwar mittlerweile die Zahlen auf portugiesisch immer besser beherrsche, sonst aber im Erklären durch die Sprache scheitere, brauche ich Bianca um zu übersetzen. Wir sind ein super Team und es geht hier in punkto Schule einiges voran. 

Beim Check, was die Jugendlichen sicher in Mathe beherrschen, war ich fast ungläubig. Vor mir sitzen 14- bis 16-jährige, die an Aufgaben wie „28 + 4“ oder „6 mal 5“ scheitern. Die Aufgaben, die sie in der Schule lösen sollen, gehen aber in den Zahlenraum bis zu Million, es geht um große Division, römische Zahlen oder Quadratwurzeln. Was passiert in der Schule hier? Dass hier kein Unterricht wie an meiner Montessorischule stattfinden kann, war klar, aber dass die Jugendlichen große Schwierigkeiten im sicheren Rechnen bis 20 oder 100 haben und einfach darüber hinweg gegangen wird, finde ich doch unglaublich. Dass die Multiplikation und die Division einen direkten Zusammenhang haben, habe ihnen vorher noch niemand gesagt.
Mir blutet das Herz, wenn ich das höre.

Durch die Montessorimaterialien, die Bianca hier hat, zeige ich den Jugendlichen schriftliche Rechenverfahren, erkläre Zusammenhänge, lege Quadratwurzeln oder erkläre einfach den Zehnerübergang, so dass sie Aufgaben rechnen können und nicht einfach weiter zählen müssen, weil sie keine andere Alternative wissen. Wenn sie dann richtige Ergebnisse haben, geht ein Strahlen über ihr Gesicht, dass es mich einfach nur mit puren Glücksmomenten erfüllt. 

Die Jugendlichen kommen, wann immer sie Zeit haben. So verabreden wir uns für nachmittags, abends oder am Wochenende. Als sie am Samstag morgen fragten, ob sie vielleicht auch am Sonntag noch einmal kommen dürfen, hatten Bianca und ich Tränen in den Augen. Die Jugendlichen wollen lernen, suchen nach Perspektiven und dennoch sind ihnen so viele Steine in den Weg gelegt. Hier kommt doch die Frage auf, ob das vielleicht sogar so gewollt ist? Bürger mit wenig Bildung machen normalerweise wenig Ärger oder stellen Forderungen. 

Einen besonderen Moment gab es mit einem jungen Mann, fast volljährig, der nur ein Jahr in der Schule war. Da hier keine Schulpflicht eingefordert wird, ist das leider gar nicht so selten. Seit Jahren bestärkt ihn Bianca zu kommen und zu lernen, doch seine eigene Scham hinderte ihn daran. 

Eines Nachmittags kam er, um zu sehen, was die anderen lernen. Als er gesehen hat, dass er keine Angst haben muss, kam er dann wirklich am Abend noch einmal allein. Er sollte seinen Namen schreiben, da er das ja auch auf Dokumenten machen muss. Mit zitternder, verkrampfter Hand und hoch konzentriert, zeigte er, was er kann. Ich war erstaunt, dass es ihm gelang, da Bianca mich schon vorwarnt hatte. Nachdem wir ihm Tricks und die Druckschrift zeigten – in Brasilien lernen die Kinder eine sehr verschnörkelte Schreibschrift in der Schule – gestand er uns, dass er den ganzen Nachmittag geübt hat, dass er es uns zeigen kann. 

Wieder einmal fehlen mir die Worte und ich bin einfach gerührt. Im Laufe des Abends wünschte er sich, dass er auch gerne rechnen können möchte und ob er eine Hausaufgabe bekommen kann, damit er uns beim nächsten Mal seine Fortschritte zeigen kann. Sogar beim Schreiben rührt mich das gerade wieder und es ist so unfassbar für mich, wie dankbar manche von den Jugendlichen die Unterstützung annehmen und vorankommen wollen. Voller Stolz erzählen sie, wie sie in der Schule geglänzt haben und endlich mal was konnten. Meine Emotionen hier sind groß und ich bin glücklich, dass ich Bianca und die Kinder ein paar Wochen unterstützen konnte und einige Lichtblicke mit schenken konnte.

Die Arbeit, die Bianca hier für und mit den Kindern und Jugendlichen macht, ist gefüllt von Liebe, Wertschätzung und der Vision, den jungen Menschen Perspektiven für ihr Leben zu geben.

Regenwaldschule – lachendes und weinendes Herz

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